Tour durch Privatisierung, Aufwertung und Verdrängung (Demo-Route Teil 1)

Die Demonstration, mit der der Aktionstag Berlin von unten! eingeläutet wird, führt durch verschiedene Kieze, die Tatort des Ausverkaufs unserer Stadt sind. Das wollen wir hier kurz vorstellen (erstmal Kreuzberg und Neukölln – Friedrichshain und Mitte folgen noch). Vielleicht kommt manchen angesichts dessen ja noch eine spontane Aktionsidee für den morgigen Tag.

Kottbusser Tor

Die Häuser des Sozialen Wohnungsbaus auf der Südseite des Kottbusser Tors sind ein Beispiel für regelmäßige Mieterhöhungen, die die Mieter_innen an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten bringt. Sie sind im Eigentum der privatisierten GSW (mittlerweile mit Genehmigung des Senats an der Börse notiert) oder von Fondsgesellschaften, verwaltet von der Hermes Hausverwaltung AG. Viele Leute wohnen seit Jahrzehnten dort, und drohen nun, oft bereits Rentner_innen, durch steigende Mieten aus ihrem Hause heraus verdrängt zu werden. Viele Mieter_innen haben sich in der Initiative Kotti & Co zusammengeschlossen und bereiten einen Mieterhöhungsstreik vor.

Gleichzeitig ist der Kotti ein Vorzeigebeispiel für repressive Sicherheitstechniken. Als einer der ersten U-Bahnhöfe der BVG wurde er vollständig videoüberwacht. Die häufigen „verdachtsunabhängigen“ Kontrollen der Berliner Polizei treffen gezielt die Milieus, für die der Platz ein wichtiger Treffpunkt ist.

Graefekiez

Eine Welle der Hausverkäufe, Modernisierungen, Umwandlung in Eigentum und Ferienwohnungen überzieht den Graefekiez. Seit ein paar Jahren ist die Mieten AG aktiv, die mittlerweile Teil der Initiative Wem gehört Kreuzberg geworden ist. Am Eckhaus Graefe/Böckhstraße protestieren Mieter_innen gegen Entmietungsstrategien der Unternehmen Tækker und Ziegert, die auf diese Weise mehr Rendite mit dem Verkauf von Eigentumswohnungen machen wollen. Die Banner mit der Aufschrift „7plus1″ weisen auf die Kündigungssperrfrist von 7 Jahren nach Umwandlung in Eigentum hin, worauf sich bei längerer Mietdauer ein weiteres Jahr Kündigungsfrist addiert.

Reuterkiez

Der Hype von „Kreuzkölln“ ist ein Beispiel für die Aufwertung beschleunigende Wirkung von öffentlichen Diskursen. Galt Nord-Neukölln noch vor wenigen Jahren als zutiefst schäbig, ist es mittlerweile ein place to be. Das städtisch finanzierte Quartiersmanagement hat den Aufwertungsprozess durch ein Zwischennutzungsprogramm für leerstehende Ladenlokale voran getrieben. Von der Aufwertung profitieren vor allem Angehörige der bio-weißen (bzw. westeuropäischen) Mittelschicht, während andere Bewohner_innen mit migrantischem Familienhintergrund als erstes die Miete nicht mehr zahlen können.

Reichenberger Kiez

Dieser Kiez zählte lange Zeit zu den einkommensschwächsten in ganz Berlin. Seit ein paar Jahren ziehen aber vor allem Leute zu, die über sehr viel mehr Geld verfügen als die bisherigen Bewohner_innen. In Folge dessen lassen sich höhere Mieten durchsetzen. Gerade Häuser mit niedrigen Mieten rücken ins Augenmerk der Immobilienwirtschaft, da hier eine besonders hohe rent gap und somit eine satte Rendite winkt.

Das ehemalige Umspannwerk Ohlauer Straße Ecke Paul-Lincke-Ufer beherbergt mittlerweile trendige Medienunternehmen und das Luxusrestaurant „Volt“. Nebenan wurde ein BSR-Grundstück privatisiert und mit Luxuswohnungen bebaut. Und gleich um die Ecke warten Liegnitzer Ecke Reichenberger Straße die enorm umstrittenen „Carlofts“. Aufgrund häufiger Angriffe war das Gebäude lange Zeit schwer zu vermieten. Im Reichenberger Kiez ist die Initiative Café Reiche aktiv.
Wiener Ecke Lausitzer Straße kommen wir dann mit der Wiener Straße 13 an einem der 23 an die GSW verschenkten Häuser vorbei. Diese waren mal in Bezirkseigentum, wurden aber vor der Privatisierung an die GSW übertragen. Statt sie wie vertraglich vereinbart zu sanieren und dauerhaft niedrige Mieten zu garantieren, hat die GSW die Häuser entmietet, verrottet lassen und nach und nach weiter verscherbelt.

Görlitzer Park

Bekannt als extrem stark frequentierter Kiezpark, wird hier der Mangel an Grünflächen in Kreuzberg 36 klar. Trotzdem sollen große Teile des Kreuzberger Spreeufers bebaut werden. Außerdem ist der Görli Austragungsort verschiedener rassistischer Sicherheitsstrategien, allen voran die häufigen Razzien, mit denen vor allem Parknutzer_innen mit dunkler Hautfarbe terrorisiert werden, bis hin zum antiziganistischen Diskurs gegen obdachlose Rroma, die nach dem Verlust ihrer Wohnungen sich zeitweise nicht anders zu helfen wussten als im Park zu leben.

Wrangelkiez

Ebenso wie der Reichenberger Kiez von Aufwertung und steigenden Mieten betroffen. Ebenso wie der Reuterkiez wurde die Aufwertung durch das Quartiersmanagement und ein Zwischennutzungsprogramm gefördert. Das vom Senat wie vom Bezirk protegierte Umstrukturierungsprojekt Mediaspree und die teuer mit öffentlichen Mitteln subventionierte Ansiedlung von Medienunternehmen haben ebenfalls deutliche Spuren hinterlassen. Die Wrangelkiez Ini schlägt sich mit all diesen Problemen herum. Es gab mehrere Besetzungsversuche in der Falckensteinstraße und der Schlesischen Straße, die gegen spekulativen Leerstand und Verdrängung gerichtet waren.

… to be continued … (Es folgen noch das Thema Mediaspree, die Köpi und die Aufwertung rund um Bethaniendamm und Engelbecken.)


1 Antwort auf „Tour durch Privatisierung, Aufwertung und Verdrängung (Demo-Route Teil 1)“


  1. 1 Rundgang der Privatisierung… « Mietenstopp-Demonstration 3. September 2011 Pingback am 24. September 2011 um 13:19 Uhr
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